“Chinas humanoide Roboter setzen zum Sprung in die Fabriken an - und sie drängen nach Europa.
Es sind Großkampftage für Chinas humanoide Roboter. Die alljährliche Gala des Staatsfernsehens zum chinesischen Neujahrsfest sei zu einer Produktpräsentation für die Roboter in Menschenform geworden, spotteten manche Zuschauer. Am Dienstag legte das Staatsfernsehen mit einer weiteren Kampfkunsteinlage der Roboter vor dem Himmelstempel in Peking nach. Und dann besucht mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am Donnerstag auch noch der erste westliche Regierungschef einen der Hersteller.
Die Branche ist in der Wachstumsphase, in der die Elektroautos vor einigen Jahren steckten. 150 bis 200 Hersteller soll es in der Volksrepublik geben. Allein in dieser Woche gab es zwei große Finanzierungsrunden, die die Start-ups AI Robotics aus Shenzhen und Spirit AI mit umgerechnet über einer Milliarde Euro bewerteten.
Die Humanoiden sind eine der Lieblingsindustrien von Präsident Xi Jinping und werden prominent im fünfzehnten Fünfjahresplan stehen, den Peking Anfang März verabschiedet.
Sie sollen die Produktivität in Chinas unzähligen Fabriken steigern und in einigen Jahren, wenn das Land rapide altert, die Arbeit übernehmen, für die es dann nicht mehr genug Menschen gibt.
Im ganzen Land legen sich deshalb die Lokalregierungen ins Zeug, lokale Champions zu formen. Die Subventionen und die Investitionen regionaler Fonds fließen. 26 Milliarden Dollar an Investmentfonds haben Peking, Shenzhen und andere Städte nach Angaben von Morgan Stanley aufgelegt.
Im vergangenen Jahr wurden auf der ganzen Welt Schätzungen zufolge 13.000 bis 16.000 Exemplare verkauft, 80 bis 90 Prozent davon waren "made in China". Elon Musk, der auch an einem humanoiden Roboter namens Optimus arbeitet, sieht die Industrie als einen Wettbewerb "Tesla gegen China": "Soweit wir wissen, sehen wir keine signifikanten Wettbewerber außerhalb Chinas", sagte er im Januar.
Als führend unter den Chinesen gilt Unitree, das Marketing und Inszenierung so gut wie keiner seiner Konkurrenten beherrscht. Es sind Roboter des Start-ups aus der Metropole Hangzhou, die auf der Neujahrsgala die spektakulären Kung-Fu-Einlagen hinlegten und dort schon zum dritten Mal auftraten. Und es ist Unitree, das Merz besuchen wird.
Für chinesische Unternehmen, die globale Player werden wollen, ist es eine strategische Kernfrage, wie sie sich zum chinesischen Staat verhalten. Manche bleiben eher auf Distanz, um im Westen anschlussfähig zu bleiben. Andere, und dazu zählt Unitree, haben diese Berührungsängste nicht. Die Gala-Auftritte dienen neben dem Marketing - Unitree zahlte laut dem chinesischen Wirtschaftsmagazin Caixin Hunderte Millionen RMB für die Slots - auch der Staatspropaganda. Die Roboterhunde werden vom chinesischen Militär in Manövern verwendet. Gründer Wang Xingxing hat Anfang vergangenen Jahres schon an einem Symposium mit Präsident Xi Jinping teilgenommen, auf dem dieser signalisieren wollte, dass er es wieder gut mit der Privatwirtschaft meint. Und auch der Besuch von Merz zeigt, dass Unitree die politische Bühne nicht scheut.
Über viele chinesische Techgründer heißt es später, sie seien schon als Kinder die Klassenbesten gewesen. Für Wang, Jahrgang 1990, gilt das nicht. Er sei nicht besonders auffällig und eher introvertiert gewesen, zitierte die "South China Morning Post" einen früheren Lehrer Wangs. Seine schlechten Englischnoten versperrten ihm den Weg zu den besten Universitäten. Wang studierte in Shanghai und Hangzhou und entwickelte dort einen ersten Roboterhund. Kurz nachdem er bei DJI, dem größten Drohnenhersteller der Welt aus Shenzhen, angeheuert hatte, ging ein Video seines Roboterhundes viral. Er schmiss den Job nach wenigen Monaten und gründete vor einem Jahrzehnt Unitree.
Dank dieser Roboterhunde ist das Unternehmen heute eines der wenigen aus der Branche, das als profitabel gilt. Weil Unitree seit einigen Monaten schon an die Börse strebt, sind einige Daten über das Unternehmen öffentlich. Im Jahr 2024 erwirtschaftete man demnach mehr als 100 Millionen Euro Umsatz, zwei Drittel davon spülten die Vierbeiner ein, ein Drittel die Zweibeiner. Zu den Investoren zählen mit Alibaba, Tencent und dem Autokonzern Geely Chinas größte Konzerne.
"Die Roboter von Unitree sind mit Abstand die günstigsten", sagt Georg Stieler, ein auf Roboter spezialisierter Technologieberater. Die preiswertesten Modelle gibt es schon für weniger als 5000 Euro. Manchmal lästerten die Konkurrenten zwar, die Roboter seien nicht mit Liebe zum Detail gebaut und ein bisschen hastig zusammengeschraubt, sagt Stieler. Ein Steve Jobs sei Gründer Wang nicht. Aber dafür sind die Roboter eben günstig und verfügbar. Unitree sei "sehr vielversprechend", sagt Stieler. Auf eine Anfrage der F.A.Z. für ein Gespräch antwortet eine Sprecherin des Unternehmens, es sei gerade nicht wirklich passend.
Unitree hat im vergangenen Jahr rund 5000 humanoide Exemplare verkauft. Etwa gleichauf liegt laut Stieler der Shanghaier Konkurrent Agibot. Auf Rang drei sieht er mit eintausend verkauften zweibeinigen Robotern UB-Tech aus Shenzhen.
Agibot wurde erst 2023 gegründet und erlebt seitdem einen rasanten Aufstieg. Zu den Investoren zählen auch hier Großkonzerne wie BYD und Tencent. Vorstandschef ist mit Deng Taihua ein früherer Vizepräsident von Huawei. Mehr Aufmerksamkeit erregt aber der Mitgründer Peng Zhihui, der Anfang dreißig ist und ein Huawei-Förderprogramm in der Chipentwicklung durchlief. Im Nebenberuf ist er Techinfluencer. Auf Billibilli, Chinas Youtube, folgen ihm knapp drei Millionen Menschen.
Agibot zeichne im Vergleich zu Unitree die größeren KI-Fähigkeiten aus, sagt Stieler. Das Unternehmen entwickle auch eigene KI-Modelle, Unitree mache da seinem Eindruck zufolge weniger. Und die Intelligenz und die Wahrnehmung der Welt sieht Stieler als die eigentliche Herausforderung. "Es ist leicht, einem Roboter einen Salto beizubringen." Es sei aber viel schwieriger, ihn in einen Raum zu stellen, in dem er sich autonom bewegen und etwa Einwegbecher mit Wasser so greifen solle, dass sie nicht zerquetscht würden.
Agibot versucht sich gerade an einer globalen Expansion. Parallel zu den Olympischen Winterspielen präsentierte sich das Unternehmen in Mailand. An diesem Dienstag fand eine Vorstellung in München statt, um den europäischen Markt zu erobern. Auf eine Anfrage der F.A.Z. reagierte das Unternehmen am Dienstag nicht. Man wolle die "menschliche Produktivität maximal steigern", heißt es in einem Beitrag auf X. Stieler ist skeptisch, ob die Expansion gelingt. "Das hängt sehr von der politischen Großwetterlage ab." Hardware aus China werde in vielen Fabriken gern verwendet. "Aber bei Sensoren und Kameras bin ich skeptisch", sagt er. Da seien die Sicherheitsbedenken zu groß.
Klar ist, dass die Produktivität die Kernfrage ist. Können die Roboter mehr als tanzen, sondern tatsächlich in den Fabriken in großer Masse menschliche Arbeit ersetzen? Die Versuche im ganzen Land laufen, etwa bei Autoherstellern wie BYD oder Geely. Die Daten von Unitree sprechen indes dafür, dass die Unterhaltung bisher noch eine deutlich größere Rolle spielt. Während die Roboterhunde immerhin zu einem Fünftel in industriellen Anwendungen wie der Inspektion und der Brandbekämpfung zum Einsatz kommen, werden die menschenförmigen Roboter dem Unternehmen zufolge bisher ausschließlich in der Forschung, der Bildung und zur Unterhaltung eingesetzt.
Manche halten die humanoiden Roboter deshalb für einen Hype, Stieler ist optimistischer. "Ich vergleiche das gern mit einem Goldrausch", sagt Stieler. "Am sichersten ist es wahrscheinlich, auf die zu setzen, die Schaufeln verkaufen." Klar sei aber: "China ist extrem gut positioniert."
Doch selbst wenn es ein mit Propaganda angetriebener Hype ist, er wirkt in die Bevölkerung hinein. Millionen von Chinesen sind im Alltag mit humanoiden Robotern in Kontakt gekommen. Diese wirken dann eher wie harmlose teure Spielzeuge als wie eine Gefahr für den eigenen Arbeitsplatz oder gleich für die ganze Menschheit. Wer will, kann sich in China schon heute Roboter mieten: Hunde gibt es ab umgerechnet zehn Euro am Tag, für menschenförmige Roboter werden etwas mehr als 200 Euro fällig, dafür gibt es aber einen echten Techniker obendrauf.” [1]
German Leader Friedrich Merz Visits the Land of Robots
“China’s humanoid robots are poised to make the leap into factories—and they are pushing into Europe.
These are momentous days for China’s humanoid robots. Some viewers quipped that the state broadcaster’s annual Chinese New Year Gala had effectively turned into a product showcase for these human-shaped robots. On Tuesday, state television followed up with another martial arts demonstration featuring the robots in front of the Temple of Heaven in Beijing. And then, on Thursday, Friedrich Merz (CDU)—the first Western government leader to do so—is visiting one of the manufacturers.
The industry is currently in the growth phase that electric vehicles were in just a few years ago. There are reportedly between 150 and 200 manufacturers operating within the People's Republic. This week alone saw two major funding rounds, valuing the startups AI Robotics (based in Shenzhen) and Spirit AI at a combined total of over one billion euros.
Humanoid robots are one of President Xi Jinping’s favorite industries and are set to feature prominently in the 15th Five-Year Plan, which Beijing is scheduled to adopt in early March.
Their mission is to boost productivity in China’s countless factories and, in a few years—as the country’s population ages rapidly—to take over the jobs for which there will no longer be enough human workers.
Consequently, local governments across the country are going all out to cultivate local industry champions. Subsidies and investments from regional funds are flowing freely. According to Morgan Stanley, Beijing, Shenzhen, and other cities have established investment funds totaling 26 billion dollars.
Last year, according to estimates, between 13,000 and 16,000 units were sold worldwide—80 to 90 percent of which were "Made in China." Elon Musk—who is also working on a humanoid robot project named Optimus—views the sector as a "Tesla vs. China" competition: "As far as we know, we don't see any significant competitors outside of China," he stated in January.
As a leader Among Chinese companies, Unitree stands out—a firm that has mastered marketing and showmanship better than almost any of its competitors. It was the robots from this startup, based in the metropolis of Hangzhou, that performed spectacular kung fu routines at the New Year’s Gala—marking their third appearance at the event. And it is Unitree that Merz is set to visit.
For Chinese companies aspiring to become global players, their relationship with the Chinese state poses a core strategic question. Some prefer to keep their distance in order to remain palatable to Western markets. Others—and Unitree counts itself among them—harbor no such reservations. Beyond serving as a marketing tool—according to the Chinese business magazine *Caixin*, Unitree paid hundreds of millions of RMB for its performance slots—these gala appearances also serve the purposes of state propaganda. Indeed, the company’s robotic dogs are already being deployed by the Chinese military in training exercises. Early last year, founder Wang Xingxing attended a symposium hosted by President Xi Jinping—an event intended to signal the President’s renewed goodwill toward the private sector. Merz’s upcoming visit further demonstrates that Unitree does not shy away from the political stage.
It is often said of many Chinese tech founders that they were top of their class even as children. This narrative, however, does not apply to Wang, who was born in 1990. He was neither particularly conspicuous nor outgoing; rather, he was somewhat introverted, according to a former teacher quoted by the *South China Morning Post*. His poor grades in English ultimately barred his path to the country’s most prestigious universities. Wang pursued his studies in Shanghai and Hangzhou, where he developed his very first robotic dog. Shortly after joining DJI—the world’s largest drone manufacturer, based in Shenzhen—a video of his robotic dog went viral. He quit his job after just a few months and, a decade ago, founded Unitree.
Thanks to these robotic dogs, the company is today one of the few in its industry considered to be profitable. As Unitree has been preparing for an initial public offering (IPO) for several months now, certain financial data regarding the company has been made public. In 2024, the company’s revenue exceeded 100 million euros—two-thirds of which was generated by the four-legged models, and one-third by the two-legged ones. Among the investors are China’s largest conglomerates, including Alibaba, Tencent, and the automotive group Geely.
"Unitree’s robots are by far the most affordable," says Georg Stieler, a technology consultant specializing in robotics. The least expensive models are available for less than 5,000 euros.
While competitors sometimes scoff that the robots lack attention to detail and appear to have been somewhat hastily bolted together, Stieler notes that founder Wang is no Steve Jobs. On the other hand, the robots are inexpensive and readily available. Unitree is "very promising," says Stieler. In response to an interview request from the *F.A.Z.*, a company spokesperson replied that the timing was currently not quite right.
Last year, Unitree sold approximately 5,000 humanoid units. According to Stieler, Agibot—a competitor based in Shanghai—is running roughly neck and neck. He places UBTech, based in Shenzhen, in third place, with one thousand bipedal robots sold.
Agibot was founded only in 2023 and has experienced a meteoric rise since then. Its investors include major corporations such as BYD and Tencent. The company’s CEO is Deng Taihua, a former Vice President at Huawei. However, co-founder Peng Zhihui attracts even more attention; currently in his early thirties, he previously participated in a Huawei development program focused on chip design. He also works as a tech influencer on the side; nearly three million people follow him on Bilibili—China’s equivalent of YouTube.
According to Stieler, Agibot distinguishes itself from Unitree through its superior AI capabilities. The company develops its own AI models, whereas—in Stieler’s view—Unitree appears to do less in this regard.
Stieler identifies intelligence—and the ability to perceive the world—as the true challenge. "It’s easy to teach a robot to do a backflip." However, he notes, it is far more difficult to place it in a room and expect it to navigate autonomously—for instance, by grasping disposable water cups in such a way that they are not crushed.
Agibot is currently attempting to expand globally. Coinciding with the Winter Olympics, the company showcased its products in Milan. This Tuesday, a presentation was held in Munich as part of an effort to capture the European market. The company did not respond to an inquiry from the *F.A.Z.* on Tuesday. In a post on X, the company stated that its goal is to "maximize human productivity." Stieler remains skeptical as to whether this expansion will succeed. "It depends heavily on the broader geopolitical climate." He notes that while hardware from China is frequently utilized in many factories, "I’m skeptical when it comes to sensors and cameras." In those areas, he argues, security concerns remain too significant.
One thing is clear: productivity is the central issue. Can these robots do more than just dance—can they actually replace human labor on a massive scale in factories? Trials are currently underway across the country, for instance at automakers such as BYD and Geely. Data from Unitree, however, suggests that entertainment still plays a significantly larger role for now. While robotic dogs are indeed being deployed in industrial applications—such as inspection and firefighting—for about one-fifth of their use cases, the company reports that its humanoid robots are currently utilized exclusively in research, education, and entertainment.
Consequently, some dismiss humanoid robots as mere hype; Stieler, however, is more optimistic. "I like to compare it to a gold rush," says Stieler. "The safest bet is probably to back the ones selling the shovels." One thing, however, is clear: "China is extremely well-positioned."
Yet, even if this is a hype fueled by propaganda, it is having a tangible impact on the general public. Millions of Chinese people have already encountered humanoid robots in their daily lives. To them, these machines appear less like a threat to their own jobs—or even to humanity as a whole—and more like harmless, expensive toys. In China, anyone interested can already rent robots today: robotic dogs are available starting at the equivalent of ten euros per day, while humanoid robots cost just over 200 euros—though that price includes a dedicated technician thrown in as a bonus.” [1]
1. Friedrich Merz besucht das Land der Roboter. Frankfurter Allgemeine Zeitung; Frankfurt. 25 Feb 2026: 18. Von Gustav Theile, Shanghai
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